Telemedizinische Netzwerkstrukturen
Digitale Vernetzung als wesentlicher Baustein zur Transformation der Krankenhäuser
16.01.2026
Warum Telemedizin unverzichtbar ist
Telemedizin revolutioniert die Art, wie medizinische Leistungen erbracht werden. Sie ermöglicht Diagnostik, Konsultation, Therapieplanung und Monitoring trotz räumlicher Distanz1 und umfasst drei zentrale Säulen: die Telekooperation (z. B. Konsile zwischen Kliniken), Teletherapie (z. B. Fernbehandlung chronisch Kranker) und Telemonitoring (z. B. kontinuierliche Überwachung von Viralparametern)2. Insbesondere ländliche Regionen profitieren, da medizinische Expertise standortunabhängig verfügbar gemacht wird3. Mit Videosprechstunden, Telekonsilen und Telemonitoring werden nicht notwendige Verlegungen vermieden, Versorgungslücken geschlossen und die Behandlungsqualität gesteigert. 1,3
Gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden Ärztemangels, des demografischen Wandels und der steigenden Multimorbidität älterer PatientInnen wird Telemedizin als zentrale Zukunftsstrategie beschrieben. Flexible, digitale Versorgungsstrukturen sind notwendig, um auch künftig eine hochwertige, flächendeckende Versorgung sicherzustellen.2
Besonders durch die Corona-Pandemie hat die Telemedizin einen nachhaltigen Schub in der Gesundheitsversorgung erfahren. Innerhalb weniger Monate stieg in Deutschland die Zahl der ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen, die Videosprechstunden anboten, von unter 200 auf über 31.000.1 Was zunächst als pandemiebedingte Notlösung begann, hat sich inzwischen zu einem festen Bestandteil der regulären Versorgung entwickelt.3
In Krankenhäusern ermöglicht Telemedizin heute eine engere interdisziplinäre Zusammenarbeit und den schnellen Zugriff auf spezialisiertes Wissen – etwa bei der Fernüberwachung von IntensivpatientInnen (Tele-ICU), der telemedizinischen Schlaganfallversorgung (Tele-Stroke) oder beim Telemonitoring von PatientInnen mit Herzinsuffizienz. So können akute Situationen schneller beurteilt, Behandlungsentscheidungen früher getroffen und Transferzeiten deutlich reduziert werden. Dabei geht es nicht nur um die Nutzung technischer Möglichkeiten. Die Versorgungsrelevanz der Telemedizin steht im Vordergrund: Sie dient der echten Verbesserung der medizinischen Betreuung, steigert die Patientensicherheit und sorgt für eine effizientere Ressourcennutzung.2
Ein zentrales Erfolgskriterium telemedizinischer Netzwerke ist die Interoperabilität der Systeme. Nur durch die nahtlose Anbindung an digitale Plattformen und die Nutzung standardisierter Schnittstellen kann Telemedizin ihr volles Potenzial entfalten.2
Telemedizin im Transformationsfonds: Chancen für Krankenhäuser
Auch im Rahmen der Krankenhausreform wird das Thema der Telemedizin fokussiert. Es werden Transformationen hin zu einer telemedizinischen Netzwerkstruktur angestrebt. Zur Umsetzung bedarf es Geld. Diese Gelder sollen durch den Transformationsfonds bereitgestellt werden. Der Transformationsfonds nach § 12b KHG stellt bis 2035 Fördermittel für die Neuausrichtung der Krankenhauslandschaft bereit. Einer der Fördertatbestände betrifft die angesprochene Bildung telemedizinischer Netzwerkstrukturen, inklusive der Schaffung von Voraussetzungen für die robotergestützte Telechirurgie. Die Krankenhäuser können Fördergelder beantragen. Förderfähig sind insbesondere:4
Beschaffung, Errichtung, Erweiterung oder Entwicklung interoperabler und sicherer IT- und Kommunikationssysteme,
erforderliche Baumaßnahmen,
erforderliche Personalmaßnahmen (z. B. zur technischen Betreuung),
weitere zwingend erforderliche Umsetzungsmaßnahmen.
Während die Definition von Fördervorhaben zur Bildung telemedizinischer Netzwerkstrukturen relativ klar umrissen ist, verbleibt die „Schaffung von Voraussetzungen für robotergestützte Telechirurgie“ nicht näher beschrieben.
Der Begriff der Telechirurgie ist derzeit nicht eindeutig definiert und wird in unterschiedlichen fachlichen, regulatorischen und technologischen Kontexten variierend verwendet.
Eine Gleichsetzung von Telechirurgie mit vollständig fernbedienten Eingriffen bildet die derzeitige Versorgungspraxis jedoch nur unzureichend ab. Solche Szenarien befinden sich bislang jenseits des Regelbetriebs und sind mit offenen (technisch, infrastrukturell und rechtlich) Umsetzungsfragen verbunden. In der aktuellen Versorgungspraxis steht demgegenüber weniger die Fernsteuerung des Eingriffs als vielmehr die telemedizinische Vernetzung im Operationsumfeld im Vordergrund.
Dementsprechend ist davon auszugehen, dass in den kommenden Jahren nicht nur vermehrt Anträge zur Bildung umfangreicher telemedizinischer Vernetzung für Diagnostik, Konsultationen und Monitoring gestellt werden, sondern auch in moderne Medizintechnik investiert wird, die digital integriert, interoperabel vernetzt und in bestehende Krankenhausinformationssysteme eingebunden ist. Dazu gehören Anwendungen, die eine standortübergreifende fachliche Einbindung während Operationen ermöglichen.
Best Practices: Wie die besten Krankenhäuser Telemedizin erfolgreich nutzen
Eines steht fest: Telemedizin wird eine Schlüsselrolle spielen, um die Krankenhausversorgung der Zukunft zu sichern. Die deutsche Krankenhauslandschaft soll deshalb umfassend digitalisiert und mit telemedizinischen Netzwerkstrukturen ausgestattet werden. Doch wie genau kann das in der Praxis gelingen? Besonders Krankenhäuser, die bislang kaum oder nur rudimentär in Telemedizin investiert haben, stehen vor der Herausforderung, die neuen Fördermöglichkeiten klug und wirkungsvoll zu nutzen. Eine pauschale Antwort gibt es darauf nicht – aber es gibt Vorbilder. Ein Blick auf die besten Krankenhäuser der Welt zeigt: Spitzenkrankenhäuser machen es vor. Digitalisierung ist heute die zentrale Strategie, um Qualität, Effizienz und Patientenorientierung gleichzeitig zu steigern. Daher werfen wir einen gezielten Blick auf die internationalen Vorreiter aus dem Newsweek-Ranking 2025. Was sofort ins Auge sticht: Jedes dieser Top-Krankenhäuser nutzt Telemedizin nicht nur als Zusatz, sondern als festen Bestandteil der Versorgung. Anhand von vier Leuchttürmen – der Mayo Clinic, der Cleveland Clinic, dem Massachusetts General Hospital und der Charité Universitätsmedizin Berlin – wird im Folgenden greifbar, wie Telemedizin erfolgreich gestaltet werden kann. Alle vier Einrichtungen gehören nicht nur zu den besten Krankenhäusern weltweit, sondern führen auch das Ranking der besten Smart Hospitals an.5
Ihre Beispiele zeigen eindrucksvoll: Wer Telemedizin strategisch entwickelt und konsequent in die Versorgungsstruktur integriert, schafft nicht nur besseren Zugang zu Expertise, sondern setzt auch Maßstäbe in Qualität und Wirtschaftlichkeit.
Mayo Clinic (USA): Pionier moderner Telemedizin
Die Mayo Clinic gilt als weltweiter Vorreiter in der Nutzung telemedizinischer Netzwerke. Über ihre eigene Plattform, die Mayo Clinic Platform, bündelt sie digitale Dienstleistungen, um PatientInnen unabhängig von ihrem Standort Zugang zu spezialisierter Medizin zu ermöglichen.6
Ein herausragendes Beispiel ist das Programm Advanced Care at Home, ein innovatives „Hospital-at-Home“-Modell, das eine akutstationäre Versorgung auf Krankenhausniveau im eigenen Zuhause ermöglicht. Es kombiniert virtuelle Visiten und Fernüberwachung mit gezielten Vor-Ort-Einsätzen mobiler Pflegeteams. PatientInnen erhalten umfangreiche technische Ausstattung: ein Tablet für Videokonsultationen, ein Telefon mit Direktverbindung zum Versorgungsteam, Vitalzeichenüberwachungsgeräte, eine sichere Internetverbindung und ein Notfallarmband. Zudem können Leistungen wie Laboruntersuchungen, mobile Bildgebung (z. B. Röntgen, Ultraschall), Infusionstherapien, Physiotherapie und Wundversorgung direkt zu Hause erbracht werden. Das Programm gliedert sich in zwei Phasen: In der Akutphase (bis zu sechs Tage) erfolgt eine intensive Versorgung mit täglichen Pflegeeinsätzen und virtuellen Arztvisiten. In der anschließenden, etwa 25-30 Tage dauernden restorativen Phase wird der Übergang in die Selbstständigkeit telemedizinisch begleitet. Das gesamte Versorgungskonzept basiert auf einer engen, kontinuierlichen Vernetzung zwischen PatientInnen, Vor-Ort-Teams und einem zentralen Kommandozentrum der Mayo Clinic, das rund um die Uhr erreichbar ist. Die Mayo Clinic realisiert das Programm in enger Partnerschaft mit Medically Home, einem Technologie- und Dienstleistungsunternehmen, das die technische Plattform sowie logistische Unterstützung bereitstellt.7
Auch im Bereich der Akutneurologie setzt die Mayo Clinic Maßstäbe – insbesondere durch ihr hochentwickeltes Telestroke-Programm. Dieses Netzwerk bietet PatientInnen in abgelegenen Regionen rund um die Uhr eine neurologische Versorgung auf Spitzenniveau. Das Mayo Clinic Telestroke Network, etabliert 2007, umfasst heute über 30 angeschlossene Partnerkliniken. Mehr als 1.500 Konsultationen pro Jahr sichern einen raschen Zugriff auf über 25 spezialisierte vaskuläre NeurologInnen. Die Besonderheit des Systems liegt in der Nutzung von Live-Videoübertragungen: Statt sich auf telefonische Rücksprachen zu verlassen, führen die SpezialistInnen neurologische Untersuchungen in Echtzeit durch, begutachten CT-Bilder und treffen innerhalb von Minuten fundierte Therapieentscheidungen. Diese Vorgehensweise ermöglicht es, unter anderem die Gabe von Thrombolytika (Gerinnsel-auflösende Medikamente) oder die Durchführung einer mechanischen Thrombektomie frühzeitig einzuleiten, was die Überlebenschancen der PatientInnen maßgeblich verbessert. Statistisch zeigt sich der Erfolg eindrucksvoll: 32 % der über Telestroke evaluierten PatientInnen erhalten eine intravenöse Thrombolysetherapie, 22 % werden als KandidatInnen für eine mechanische Thrombektomie identifiziert und 65 % können wohnortnah weiterbehandelt werden, ohne Verlegung in ein überregionales Zentrum. Das Telestroke-Programm ist dabei nicht auf die Akutversorgung begrenzt. Es begleitet die PatientInnen entlang des gesamten Behandlungspfades: von der Ersteinschätzung in der Ambulanz über die tägliche Mitbetreuung auf der Station, bis hin zur Vorbereitung auf die Entlassung und die Nachsorgeplanung.10
Technologisch setzt die Mayo Clinic dabei auf hochauflösende mobile Videotechnologie, roboterbasierte Telepräsenzsysteme, digitale Bildübertragung und Cloud-basierte Kommunikationstools.8 Durch diese konsequente Struktur ist die Schlaganfallversorgung für viele PatientInnen erheblich verbessert worden – insbesondere für jene, die andernfalls keinen rechtzeitigen Zugang zu spezialisierter neurologischer Expertise gehabt hätten.9
Darüber hinaus hat die Mayo Clinic speziell für orthopädische und rehabilitative Fragestellungen strukturierte telemedizinische Untersuchungsstandards entwickelt. Das Telemedicine Musculoskeletal Examination-Programm bietet eine standardisierte Vorgehensweise für virtuelle körperliche Untersuchungen, insbesondere für die Schulter, Hüfte, Knie, den Rücken und die Wirbelsäule. Diese Methodik ermöglicht es ÄrztInnen, selbst aus der Ferne differenzierte klinische Einschätzungen vorzunehmen. Dazu werden PatientInnen angeleitet, standardisierte Bewegungen und Tests eigenständig durchzuführen – unterstützt durch Videoanleitungen und strukturierte Protokolle.
Durch diese umfassende Integration telemedizinischer und mobiler Versorgungsansätze setzt die Mayo Clinic neue Maßstäbe in der patientenzentrierten Krankenhausversorgung – und zeigt eindrucksvoll, wie moderne digitale Medizin den stationären Bereich nachhaltig transformieren kann.
Cleveland Clinic (USA): Effizienz, Zugang und Innovation neu gedacht
Die Cleveland Clinic setzt Telemedizin ebenfalls gezielt ein, um den Zugang zu Gesundheitsleistungen zu verbessern, Versorgung effizienter zu gestalten und PatientInnen eine personalisierte Betreuung zu ermöglichen. Telemedizin wird hier als elementarer Bestandteil einer modernen Versorgungsstrategie verstanden: Sie reicht von virtuellen Arztbesuchen über Fernüberwachung chronischer Erkrankungen bis hin zu spezialisierten virtuellen Zweitmeinungen.12
Virtuelle Besuche sind an der Cleveland Clinic fest in die Routineversorgung integriert. Über Plattformen wie MyClevelandClinic® können PatientInnen Video- oder Telefonsprechstunden wahrnehmen, Rezeptverlängerungen beantragen, Testergebnisse abrufen oder Folgetermine vereinbaren. Die Bandbreite reicht von Express Care Virtual Visits ohne Terminvereinbarung für akute Beschwerden wie Erkältungen, Hautausschläge oder Harnwegsinfekte bis hin zu geplanten virtuellen Sprechstunden mit FachärztInnen oder HausärztInnen. Besonders hervorzuheben ist das Angebot Virtual Primary Care, das eine kontinuierliche hausärztliche Betreuung vollständig digital ermöglicht und bereits innerhalb eines Tages buchbar ist.13
Die Cleveland Clinic nutzt Telemedizin jedoch nicht nur in der Akutversorgung, sondern auch im Bereich der Prävention und des Krankheitsmanagements. Ein Beispiel dafür ist das Remote Hypertension Improvement Program: Hier werden BluthochdruckpatientInnen über Bluetooth-fähige Geräte überwacht, die Blutdruckdaten direkt an ein zentrales Dashboard übermitteln. Ein interdisziplinäres Team aus ÄrztInnen, Pflegekräften und ApothekerInnen nutzt diese Daten, um zeitnah medikamentöse Anpassungen vorzunehmen oder virtuelle Lifestyle-Coachings durchzuführen. Innerhalb von 24 Wochen konnte so eine signifikante Senkung der systolischen Blutdruckwerte um durchschnittlich 7,5 mm Hg erzielt werden.11
Auch in der Intensivmedizin setzt die Cleveland Clinic auf digitale Lösungen: Im eHospital-Programm, das bereits 2014 eingeführt wurde, überwachen IntensivistInnen und erfahrene Pflegekräfte nachts (19 bis 7 Uhr) PatientInnen aus der Ferne. Über Zwei-Wege-Audio- und Video-Kommunikation können sie bei Bedarf direkt eingreifen, PatientInnen beraten oder das Vor-Ort-Team unterstützen. Die Remote-ExpertInnen haben dabei vollständigen Zugriff auf die PatientInnenakten, was eine nahtlose und sichere Betreuung ermöglicht.11
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, virtuelle Zweitmeinungen über die Cleveland Clinic zu erhalten. Über das Programm Virtual Second Opinions wird PatientInnen nach Sammlung und Analyse aller relevanten medizinischen Unterlagen innerhalb weniger Tage eine schriftliche Expertise eines spezialisierten Facharztes bereitgestellt. In über 67 % der Fälle führen diese virtuellen Zweitmeinungen zu einer Änderung der Diagnose oder der empfohlenen Behandlung.14
Ein besonderer Schwerpunkt der Telemedizin an der Cleveland Clinic liegt außerdem auf der hochspezialisierten teleneurologischen und teleneurochirurgischen Versorgung. Vor dem Hintergrund, dass in den USA landesweit im Durchschnitt lediglich vier NeurologInnen und ein Neurochirurg pro 100.000 EinwohnerInnen verfügbar sind, spielt die digitale Versorgung in diesem Bereich eine besondere Rolle. Bereits 2011 startete die Cleveland Clinic ihr Telestroke-Programm, das sich in kurzer Zeit massiv weiterentwickelte: Heute werden dreimal so viele Partnerkrankenhäuser betreut wie zu Beginn. Eine zentrale Erfolgszutat ist eine dedizierte Schlaganfalldienstlinie mit speziell geschulten Stroke-NeurologInnen, die rund um die Uhr erreichbar sind. Im Jahr 2020 betrug die durchschnittliche Reaktionszeit von der Alarmierung bis zum Rückruf durch eine/n NeurologIn gerade einmal zwei Minuten – eine beeindruckende Geschwindigkeit, die für den Behandlungserfolg bei Schlaganfällen entscheidend ist.15 Die Erfahrungen aus dem Telestroke-Dienst wurden konsequent genutzt, um das Spektrum der telemedizinischen Leistungen systematisch auszubauen. Heute umfasst die Teleneurologie der Cleveland Clinic:
Inpatient und Outpatient Teleneurology: Virtuelle Konsultationen für Notfälle und chronische Erkrankungen, sowohl im Krankenhaus als auch im ambulanten Bereich.
Teleneurophysiology: Angebote wie Epilepsie-Monitoring, EEG-Interpretationen und die Ausbildung von TechnikerInnen im Bereich Neurophysiologie.
Teleneurosurgery: Unterstützung bei neurochirurgischen Notfällen durch virtuelle Konsultationen und Entscheidungsunterstützung, insbesondere in Einrichtungen ohne eigene Neurochirurgie vor Ort.
Teleneuro Intensive Care: Spezialisierte virtuelle Expertise für neurologische IntensivpatientInnen, etwa bei Status epilepticus, post-hypoxischen Zuständen oder schwerer Enzephalopathie.
Telestroke & Stroke Consulting: Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit von SchlaganfallexpertInnen, ergänzt durch Tools für Qualitätsmanagement und kontinuierliche Programmentwicklung (Cleveland Clinic – Teleneurological Services, o. D.).
Bemerkenswert ist, dass diese telemedizinischen Dienste nicht nur die Patientenversorgung verbessern, sondern auch die lokalen ÄrztInnen aktiv unterstützen. Über mobile Zwei-Wege-Videokommunikation und durch den sicheren Zugriff auf klinische Informationssysteme wird eine nahtlose Zusammenarbeit ermöglicht. Zudem bietet die Cleveland Clinic zusätzliche Leistungen wie umfassende Stroke-Programm-Reviews und evidenzbasierte Versorgungsleitlinien zur Qualitätssteigerung an.15
Eine vergleichende Analyse zwischen den Jahren vor und nach Einführung des neuen Modells zeigt: Die Länge des Aufenthalts, die Reintubationsrate und die Beatmungsdauer blieben stabil, während gleichzeitig die ÄrztInnen-Burnoutrate signifikant sank und durchschnittlich 58.033 US-Dollar pro Monat eingespart wurden. Auch die Mortalität war niedriger, wenngleich dieser Effekt möglicherweise weiteren Qualitätsinitiativen zuzurechnen ist. Basierend auf diesen Erfahrungen baute die Cleveland Clinic ihre Angebote aus und stellt heute neurointensivistische Telekonsultationen auch anderen Einrichtungen zur Verfügung. Kliniken ohne eigene NeurointensivistInnen können über Videokonferenzsysteme akute Konsile oder Zweitmeinungen zu komplexen neurologischen Intensivfällen einholen. Damit bleibt den PatientInnen eine aufwendige Verlegung erspart. Zudem bietet die Cleveland Clinic internationale Telekonsultationen an: So konnte in einem Fall eine Familie und das Behandlungsteam eines Patienten mit tuberkulöser Meningitis durch eine transatlantische Videobegutachtung unterstützt werden.16
Parallel wurde die Wirkung des gesamten ICU-Telemedizinprogramms der Cleveland Clinic in einer groß angelegten retrospektiven Studie untersucht: Anhand von ca. 154.000 PatientInnen über zehn Jahre zeigte sich, dass durch die virtuelle ICU-Versorgung die 30-Tages-Mortalität um 18 % sank, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der ICU um 1,6 Tage und im Krankenhaus um 2,1 Tage verkürzt werden konnte. Das Tele-ICU-Modell adressiert somit nicht nur Fachkräftemangel und Kostenaspekte, sondern auch die Qualität der Intensivversorgung – ein Ansatz, der angesichts der wachsenden Belastung der Intensivmedizin in den USA als zukunftsweisend gilt.17
Die Cleveland Clinic zeigt eindrucksvoll, dass Telemedizin dann echten Mehrwert bietet, wenn sie nicht isoliert gedacht wird, sondern als integraler Bestandteil einer umfassenden Versorgungskette. Ob Akutversorgung, Management chronischer Krankheiten oder Intensivmedizin: Digitale Tools werden gezielt dort eingesetzt, wo sie die Versorgung verbessern, Wartezeiten verkürzen und den Zugang zu Expertise erleichtern. Entscheidend ist dabei die konsequente Verknüpfung von Technik, klinischem Wissen und organisatorischer Effizienz – ein Ansatz, der auch für Krankenhäuser im Rahmen des Transformationsfonds zukunftsweisend sein kann.
Massachusetts General Hospital (USA): Innovation für vernetzte Versorgung
Das Massachusetts General Hospital (MGH) zählt zu den Vorreitern in der digitalen Transformation der Gesundheitsversorgung. Mit dem Center for TeleHealth verfolgt das Krankenhaus das Ziel, Versorgung persönlicher, effizienter und flexibler zu gestalten – angepasst an die Bedürfnisse von PatientInnen und Behandelnden gleichermaßen.18
Das Virtual Consults Program ermöglicht ÄrztInnen aus Partnernetzwerken und PatientInnen einen unkomplizierten Zugang zur Expertise der Mass General-SpezialistInnen. Über nutzerfreundliche Tools wird die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Einrichtungen gefördert, wobei stets der Erhalt der lokalen Versorgung im Vordergrund steht – selbst in Notfallsituationen wie Schlaganfällen.19
Spezifische Angebote umfassen:
TeleStroke/Emergency TeleNeurology: Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit neurologischer Expertise bei akuten Schlaganfällen und neurologischen Notfällen innerhalb von fünf Minuten. Ziel ist es, die Behandlungszeiten ("door-to-needle time") deutlich zu verbessern und eine höhere Retention von PatientInnen in den lokalen Krankenhäusern zu ermöglichen.
SubAcute TeleStroke: Betreuung von PatientInnen außerhalb der akuten Phase eines Schlaganfalls zur Optimierung der Rehabilitation und Verbesserung langfristiger Outcomes.
Routine & Urgent TeleNeurology: Breiter Zugang zu neurologischer Expertise bei nicht-notfallmäßigen Fragestellungen, zur Unterstützung ambulanter und stationärer Teams.19
Zudem bietet das MGH Dermatologie E-Consults, um HausärztInnen in der triagierten Behandlung dermatologischer Fälle zu unterstützen und Überweisungen gezielter zu gestalten. Ein weiteres innovatives Angebot ist TeleNewborn Medicine: NeonatologInnen stehen per Videokonferenz für schnelle Konsultationen bei der Betreuung von Neugeborenen zur Verfügung. Dies erleichtert die Stabilisierung, Entscheidung über Verlegung und eine sichere Versorgung vor Ort.19
Mit Programmen wie Virtual Visit ermöglicht das MGH auch ambulante Nachsorgebesuche per Videokonferenz – direkt aus dem Zuhause der PatientInnen. Für stationäre PatientInnen gibt es die CareTeam Connect Suite, die Familienmitgliedern, Dolmetschern und SpezialistInnen erlaubt, virtuell am Krankenbett präsent zu sein.18
Während der COVID-19-Pandemie bewährte sich diese Struktur in besonderem Maße: Das Video Intercom Communication System (VICS) erlaubte eine sichere Betreuung infektiöser PatientInnen bei gleichzeitigem Schutz des medizinischen Personals.18
Auch in der Kindermedizin setzt das MGH Maßstäbe: Das Mass General for Children TeleHealth Program ermöglicht die Fernkonsultation durch pädiatrische IntensivmedizinerInnen und NeonatologInnen. So können Kinder wohnortnah behandelt werden, während gleichzeitig spezialisierte Expertise aus Boston eingebunden wird. Zusätzlich werden telemedizinische Bildungsprogramme angeboten, um Pflegepersonal, ÄrztInnen und Medizinstudierende in innovativen digitalen Versorgungsmodellen zu schulen.18
Das MGH zeigt eindrucksvoll, wie Telemedizin systematisch als integraler Bestandteil der Versorgung eingesetzt werden kann: zur Sicherung schneller Expertise im Notfall, zur Unterstützung chronischer Erkrankungen, zur Verbesserung der Behandlungsqualität und zur Stärkung der lokalen Versorgungskapazitäten.
Charité – Universitätsmedizin Berlin (Deutschland)
Die Charité – Universitätsmedizin Berlin gehört zu den führenden Zentren der Telemedizin in Deutschland und treibt digitale Versorgungskonzepte konsequent voran. Ziel ist es, chronisch kranke und intensivmedizinisch betreute PatientInnen ebenso wie Transplantierte durch innovative Telemedizinlösungen noch besser zu unterstützen.
Mit „Medical Assistant for Chronic Care Services“ (MACCS) bietet die Charité eine telemedizinische Plattform speziell für nierentransplantierte PatientInnen. MACCS vernetzt niedergelassene NephrologInnen, das Transplantationszentrum und PatientInnen, um Komplikationen frühzeitig zu erkennen und die Therapietreue nachhaltig zu verbessern. Über eine App können Vitalparameter wie Blutdruck, Gewicht oder Herzfrequenz erfasst und die Medikamenteneinnahme dokumentiert werden. Abweichungen werden vom Telemedizinteam ausgewertet und es erfolgt eine direkte Kontaktaufnahme mit den Betroffenen, um frühzeitig medizinische Maßnahmen einzuleiten. Die medizinische Dokumentation erfolgt sicher in der Charité-internen Infrastruktur, wobei sensible Daten über HL7 FHIR-Schnittstellen pseudonymisiert übermittelt werden. MACCS ist somit ein Modellprojekt, das stationäre Aufenthalte reduzieren, Abstoßungsreaktionen vermeiden und die Lebensqualität nierentransplantierter PatientInnen verbessern soll. Die telemedizinische Nachsorge wird über § 140a SGB V-Verträge mit Krankenkassen vergütet und befindet sich aktuell in einer vierjährigen Pilotphase.21
Im Bereich der Intensivmedizin setzt die Charité mit der KAI (Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin) Telemedizin Maßstäbe. Seit Jahren betreibt die Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin erfolgreich ein umfassendes Tele-ICU-Programm, das insbesondere während der COVID-19-Pandemie seine Leistungsfähigkeit unter Beweis stellte. Ein interdisziplinäres ExpertInnenteam unterstützt rund um die Uhr Intensivstationen national und international per Videotechnologie bei der Versorgung von PatientInnen.22
Im ERIC-Projekt („Enhanced Recovery after Intensive Care“) entwickelte die Charité eine zentrale E-Health-Plattform zur täglichen telemedizinischen Visite auf Intensivstationen. Diese Plattform vernetzte 15 Intensivstationen in Berlin und Brandenburg sowie nachsorgende HausärztInnen und ermöglichte eine signifikante Reduktion von Langzeitfolgen intensivpflichtiger PatientInnen. Die telemedizinische Visite mit spezialisierten ÄrztInnen half, evidenzbasierte Therapieansätze schneller in den klinischen Alltag zu integrieren und die Versorgungsqualität auch unter Pandemiebedingungen auf hohem Niveau zu sichern.23
Mit dem Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin und dem Forschungsprojekt Fontane zeigte die Charité, dass telemedizinische Mitbetreuung die Lebenserwartung von PatientInnen mit Herzinsuffizienz erhöhen kann. Im Rahmen der TIM-HF2-Studie erhielten die PatientInnen ein Messsystem bestehend aus EKG, Blutdruckmessgerät, Waage und Tablet. Die Messdaten wurden rund um die Uhr im Telemedizinzentrum der Charité überwacht. Bei kritischen Veränderungen griff das medizinische Personal sofort ein. Die Ergebnisse sind eindeutig: Telemedizinisch betreute PatientInnen mussten signifikant seltener ins Krankenhaus eingewiesen werden und wiesen eine geringere Sterblichkeit auf – unabhängig davon, ob sie im ländlichen Raum oder in der Stadt lebten.24
Im Projekt EPIC untersucht die Charité gemeinsam mit internationalen Partnern den Nutzen telemedizinischer Beratungen für die Palliativversorgung auf Intensivstationen. Ziel ist es, schwerkranke PatientInnen frühzeitig durch spezialisierte PalliativmedizinerInnen zu unterstützen, auch wenn vor Ort keine entsprechende Expertise vorhanden ist. Das Projekt wird mit 6,3 Millionen Euro von der EU gefördert und soll ein europaweites Modell für palliative Telemedizin etablieren.25
Die Charité zeigt eindrucksvoll, dass Telemedizin weit mehr ist als ein digitales Hilfsmittel. Sie ist ein zentraler Bestandteil moderner Versorgungskonzepte – sei es in der Transplantationsnachsorge, auf Intensivstationen, bei Herzschwäche oder in der Palliativmedizin. Die systematische Integration von Telemedizin trägt maßgeblich dazu bei, Versorgungsqualität zu sichern, PatientInnen zu entlasten und das Gesundheitssystem effizienter zu gestalten
Warum jetzt gehandelt werden muss
Telemedizinische Netzwerkstrukturen sind keine „nice to have“-Option mehr – sie sind Grundvoraussetzung für eine zukunftsfähige Krankenhauslandschaft. Der Transformationsfonds bietet Krankenhäusern eine einmalige Gelegenheit, diesen Wandel aktiv zu gestalten und sich für kommende Anforderungen zu rüsten.
Die Best Practices der weltweit besten Krankenhäuser zeigen, dass gezielte Investitionen in Telemedizin nicht nur die PatientInnenversorgung verbessern, sondern auch Effizienzgewinne und Standortvorteile ermöglichen. Wer heute strategisch handelt, sichert morgen seine Wettbewerbsfähigkeit.
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Quellen
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