Ist das Future KIS auch das KIS der Zukunft?

Beitrag von Katrin Faiß – Senior Consultant (18.06.2026)

Viele Krankenhäuser diskutieren den KIS-Wechsel noch wie eine Softwareauswahl. Tatsächlich entscheiden sie aber über ihre digitale Betriebslogik der nächsten zehn bis 15 Jahre. Genau an diesem Punkt stehen derzeit viele Kliniken. Das Krankenhausinformationssystem, kurz KIS, war lange vor allem Dokumentations-, Abrechnungs- und Prozesssystem. Künftig soll es deutlich mehr leisten: Mitarbeitende entlasten, Daten nutzbar machen, Patientenpfade unterstützen, KI-Anwendungen ermöglichen und sich flexibel in eine moderne Krankenhaus-IT einfügen.

Der anstehende Wandel wird durch mehrere Entwicklungen gleichzeitig beschleunigt: bestehende Systemlandschaften stoßen an Grenzen, SAP IS-H läuft aus, Interoperabilität wird wichtiger und Krankenhäuser müssen ihre digitale Strategie unter steigendem wirtschaftlichem und personellem Druck weiterentwickeln. Anbieter wie Avelios mit SAP, Oracle Cerner, Epic, Dedalus, CGM oder openEHR-basierte Ökosysteme mit Partnern wie x-tention und Tieto zeigen: Der Markt ist in Bewegung.

Aber was macht das KIS der Zukunft aus? Welche Anbieter und Architekturansätze sind aktuell relevant und worauf sollten Krankenhäuser achten, wenn sie ihre digitale Basis für die nächsten zehn bis 15 Jahre legen? Denn eines ist klar: Das nächste KIS sollte nicht nur das Alte ersetzen. Es sollte den Weg in ein vernetztes, datenbasiertes und arbeitsentlastendes Krankenhaus ebnen.

Was unterscheidet das KIS der Zukunft vom klassischen KIS?

Ein Krankenhausinformationssystem, kurz KIS, ist die zentrale Softwareplattform für klinische, administrative und abrechnungsbezogene Prozesse im Krankenhaus. Das KIS der Zukunft erweitert diese Rolle um strukturierte Datenhaltung, Interoperabilität, Prozessunterstützung, Automatisierung und KI-Fähigkeit.

Viele heutige KIS-Landschaften sind historisch gewachsen. Sie funktionieren, aber oft nur mit hohem Integrationsaufwand, Medienbrüchen und individuellen Workarounds. Das KIS der Zukunft muss anders gedacht werden: modular, interoperabel, datengetrieben und nutzerfreundlich.

Im Mittelpunkt stehen drei Leitfragen:

  • Können klinische Daten strukturiert und wiederverwendbar erfasst werden?
  • Lassen sich neue Anwendungen flexibel anbinden?
  • Unterstützt das System die Arbeit auf Station, in Ambulanzen, Funktionsbereichen und Verwaltung wirklich spürbar? 

Auch der gesetzliche Rahmen erhöht den Veränderungsdruck. Mit dem Digital-Gesetz (DigiG) sollen zentrale digitale Anwendungen wie die elektronische Patientenakte für alle Versicherten und das E-Rezept stärker im Versorgungsalltag verankert und interoperabel für sämtliche KIS-Anwendungen werden. Das Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG) ergänzt diese Entwicklung, indem Gesundheitsdaten für gemeinwohlorientierte Forschung und die datenbasierte Weiterentwicklung des Gesundheitswesens besser nutzbar gemacht werden sollen. Für Krankenhäuser bedeutet das: KIS-Systeme müssen künftig nicht nur interne Prozesse abbilden, sondern auch sektorübergreifenden Datenaustausch, strukturierte Dokumentation, Datenschutz, Datenqualität und Anschlussfähigkeit an nationale Dateninfrastrukturen unterstützen. 

Ein zukunftsfähiges KIS ist damit nicht nur eine digitale Patientenakte. Es ist die Grundlage für bessere Steuerung, Prozessunterstützung, Forschung, Automatisierung, KI-Anwendungen und sektorübergreifende Versorgung.

Warum openEHR, Interoperabilität und Datenhoheit für Krankenhäuser wichtig werden

Ein möglicher Baustein in dieser Entwicklung ist openEHR. Die openEHR Foundation beschreibt openEHR als Standard für EHR-Plattformen mit klinischen Datenmodellen, lebenslanger patientenzentrierter Akte, zukunftsfähigen Daten und Unterstützung klinischer Prozesse. Der zentrale Gedanke: Klinische Informationen sollen nicht in einzelnen Anwendungen eingeschlossen bleiben, sondern in einer offenen Datenbasis strukturiert verfügbar sein.

Für Krankenhäuser würde das einen großen Mehrwert bieten. Daten würden nicht nur dokumentiert, sondern könnten für Behandlung, Qualitätssicherung, Forschung und KI-Anwendungen nutzbar gemacht werden. Gleichzeitig würde die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern sinken, weil Anwendungen auf einer gemeinsamen Datenplattform aufsetzen können.

Ein aktuelles Beispiel ist die strategische Partnerschaft von Tieto Caretech, x-tention und Better. Die Partner wollen in der DACH-Region ein offenes digitales Gesundheitsökosystem etablieren. Dabei spielen eine openEHR-basierte Datenplattform, klinische Systeme von Tieto Caretech und Integrationskompetenz von x-tention die zentralen Rollen. Ziel ist ein modulares Ökosystem, in dem Organisationen Kontrolle über ihre Daten behalten und schrittweise innovieren können. 

Für Kliniken bedeutet das: Der KIS-Wechsel muss nicht zwingend als „Big Bang“ verstanden werden. Eine offene Architektur kann helfen, Transformation schrittweise zu gestalten, Risiken zu reduzieren und bestehende Systeme kontrolliert abzulösen.

Avelios und SAP: Welche Rolle spielt die Partnerschaft für das KIS der Zukunft?

Auch Avelios und SAP positionieren sich im Kontext des KIS der Zukunft. Im September 2025 kündigten beide Unternehmen eine strategische Partnerschaft an. Ziel ist eine zukunftssichere Plattform für klinische und administrative Prozesse, unter anderem mit enger Integration, gemeinsamer strukturierter Datenbasis und KI-Anwendungsszenarien. 

Im Februar 2026 wurde zudem bekanntgegeben, dass SAP strategisch in Avelios investiert, um gemeinsam eine souveräne, KI-gestützte und interoperable digitale Infrastruktur für Krankenhäuser aufzubauen. Das zeigt: Der Markt bewegt sich in Richtung Plattformökosysteme, bei denen klinische Prozesse, administrative Prozesse und Datenmodelle enger zusammengeführt werden.

Der Nutzen für Krankenhäuser liegt auf der Hand: Wer KIS und ERP strategisch zusammendenkt, kann Prozesse vom Aufnahmezeitpunkt bis zur Abrechnung konsistenter gestalten. Gleichzeitig entsteht eine bessere Datenbasis für Steuerung, Personalplanung, Versorgungsqualität und Wirtschaftlichkeit.

Oracle Cerner im KIS-Markt: Für welche Krankenhäuser ist der Ansatz relevant?

Mit Oracle Cerner spielt ein weiterer großer Anbieter eine wichtige Rolle. Oracle erwarb Cerner im Jahr 2022 und gründete Oracle Health. Ziel ist es, die klinischen Fähigkeiten von Cerner mit Oracles Unternehmensplattform, Analytik und Automatisierungskompetenz zu verbinden. 

Die Stärke dieses Ansatzes liegt in der Verbindung aus international etablierter klinischer Software, Cloud-Infrastruktur, Datenanalyse und Automatisierung. Für große Krankenhausverbünde und Universitätskliniken kann das attraktiv sein, wenn Skalierung, Standardisierung und internationale Anschlussfähigkeit im Vordergrund stehen.

Gleichzeitig gilt: Ein großes System allein löst noch keine Prozessprobleme. Entscheidend ist, wie gut das KIS an die Versorgungsrealität des jeweiligen Hauses angepasst wird. Kliniken sollten deshalb nicht nur Produktfunktionen vergleichen, sondern die eigene Zielarchitektur klären: Welche Prozesse sollen standardisiert werden? Wo braucht es lokale Flexibilität? Welche Datenstrategie wird verfolgt?

Welche KIS-Anbieter sind im DACH-Markt relevant?

Neben openEHR-basierten Plattformansätzen, Avelios/SAP und Oracle Cerner prägen weitere etablierte Anbieter den deutschsprachigen KIS-Markt. Dedalus ist mit ORBIS einer der besonders sichtbaren Anbieter im DACH-Raum und stellt mit ORBIS U die nächste Generation seiner KIS-Lösung in den Vordergrund, mit Fokus auf neuer Architektur, mehr Komfort und stärkerer Vernetzung. CompuGroup Medical verfolgt mit CGM MEDICO und CGM CLINICAL ebenfalls eine klare Weiterentwicklungsstrategie. Im Mittelpunkt stehen klinische und administrative Prozesse, Workflow-Steuerung, semantische Interoperabilität und ein durchgängiger Informationsfluss zwischen Klinik, Fachabteilungen und externen Systemen. 

Auch Epic rückt im deutschsprachigen Markt stärker in den Fokus. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat sich nach einem rund zweijährigen Vergabeverfahren für Epic Systems als künftiges Krankenhausinformationssystem entschieden. Das Projekt gilt als eines der sichtbarsten KIS-Vorhaben in Deutschland und soll das digitale Herzstück der größten Universitätsmedizin Deutschlands bilden. 

Aus der Marktbewegung folgt keine einfache Rangliste der Anbieter. Vielmehr müssen Krankenhäuser klären, welches Architekturprinzip ihre Unternehmensstrategie (Medizin-, Daten-, KI-Strategien) am besten stützt: integrierte Suite, offene Datenplattform, ERP-nahe Klinikplattform oder schrittweise Modernisierung einer bestehenden Systemlandschaft.

KIS-Wechsel im Krankenhaus: Welche Kriterien sind entscheidend?

Ein KIS-Wechsel ist kein reines IT-Projekt. Er betrifft Medizin, Pflege, Verwaltung, Controlling, IT, Datenschutz, Einkauf und Geschäftsführung. Deshalb sollte die Entscheidung strukturiert und bereichsübergreifend vorbereitet und getroffen werden.

Wichtige Prüffragen sind:

  • Architektur: Wie modular, offen und interoperabel ist das System?
  • Datenstrategie: Werden Daten strukturiert, semantisch nutzbar und wiederverwendbar erfasst?
  • Integration: Wie gut lassen sich ERP, Subsysteme, Medizintechnik, Portale und Register anbinden?
  • Usability: Entlastet das System Mitarbeitende im Alltag oder verlagert es Aufwand nur digital?
  • Migration: Gibt es einen realistischen Pfad von der heutigen Systemlandschaft zur Zielarchitektur?
  • Betriebsmodell: Passt Cloud, Hybrid oder On-Premise zu Datenschutz, IT-Strategie und Ressourcen?
  • Zukunftsfähigkeit: Unterstützt die Plattform KI-Anwendungen, Automatisierung, Forschung und neue Versorgungsmodelle?
  • Veränderungsfähigkeit: Hat das Haus die personellen Ressourcen und den Veränderungswillen, Prozesse tatsächlich zu standardisieren und klinische Nutzung konsequent zu begleiten?
  • Ausstiegsszenario: Wie vermeidet das Haus neue Abhängigkeiten, wenn sich Anbieterstrategie, Betriebsmodell oder Kostenstruktur verändern?
  • Datensouveränität: Will/ kann/ darf ich mich mit meinem neuen KIS an einen US-Hyperscaler binden?

Eine einfache Faustregel: Das beste KIS ist nicht das mit den meisten Funktionen, sondern das, das zur Strategie, den Prozessen und der Veränderungsfähigkeit des Krankenhauses passt.

Fazit: Das KIS der Zukunft ist eine strategische Entscheidung

Der KIS-Markt steht vor einem grundlegenden Wandel. Gefragt sind künftig keine isolierten Einzellösungen, sondern offene, interoperable und modular erweiterbare Plattformen. Sie müssen klinische Abläufe, administrative Prozesse, strukturierte Daten und neue technologische Möglichkeiten wie Automatisierung und KI sinnvoll miteinander verbinden. Für Krankenhäuser wird die KIS-Auswahl damit zu einer strategischen Weichenstellung: Wer heute entscheidet, legt die digitale Grundlage für Versorgung, Steuerung und Weiterentwicklung der nächsten zehn bis 15 Jahre in seinem Haus und dennoch gilt es sich auf den Weg zu machen! Ziel muss eine Systemlandschaft sein, die Datenhoheit ermöglicht, Mitarbeitende in ihrem Alltag spürbar entlastet und künftige Versorgungsmodelle unterstützt.

Haben Sie bereits geklärt, ob Ihr nächstes KIS ein Systemersatz, eine Plattformentscheidung oder der Einstieg in eine neue Zielarchitektur sein soll?

 

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